Case Study

Haus der Religionen in Bern

Architect
Bauart Architekten und Planer AG, 3008 Berne
Project manager
Halter AG | Entwicklungen, 8005 Zürich
Client
Verein Haus der Religionen – Dialog der Kulturen, 3006 Bern

Im multifunktionalen Zentrum Europaplatz erhalten Aleviten, Buddhisten, Christen, Hindu und Moslems mit dem Haus der Religionen einen gemeinsamen Ort des Dialogs. An der Umsetzung dieses weltweit einzigartigen Projekts war auch Saint-Gobain ISOVER AG beteiligt. Ein Baustellenbesuch im Vorfeld der Eröffnung.

Von einem zweiten Wunder von Bern sprach man in der Bundesstadt, als die Finanzierung des weltweit einzigartigen Projekts Haus der Religionen 2011 gesichert war. Damals rechneten viele nicht mehr mit der Verwirklichung der rund 15 Jahre alten Idee eines interreligiösen Gebets-, Bildungs- und Kulturzentrums. «Die Hartnäckigkeit der Verantwortlichen, die Unterstützung vieler Einzelspender und eine unverhoffte Millionenspende verhalfen uns schlussendlich zum Durchbruch», blickt der Geschäftsführer David Leutwyler zurück. «Endlich zahlten sich die Geduld sowie die jahrelange Aufbau- und Vernetzungsarbeit aus.» Es folgten weitere finanzielle Zusicherungen und von der Immobilienentwicklerin Halter AG ein wirtschaftliches und zukunftsweisendes Gesamtprojekt, mit dessen Umsetzung 2012 begonnen werden konnte. «Nun blicken wir mit Spannung dem Einzug und der offiziellen Eröffnung entgegen», freut sich Leutwyler.

Vielfalt statt Einfalt

Neben einem Dialogbereich, für dessen Inhalte Leutwyler mit seinem Team verantwortlich ist, finden sich auf den zwei Etagen im Haus der Religionen nebeneinander Kultusräume von Aleviten, Buddhisten, Christen, Hindus und Muslimen. Aber auch Baha’i, Juden und Sikh werden prominent vertreten sein. «Es liegt an uns allen, das Haus mit Leben zu füllen», nimmt Leutwyler sich und die anderen Beteiligten in die Pflicht. Das Haus der Religionen ist das architektonische und kulturelle Herzstück des Zentrums Europaplatz am gleichnamigen Verkehrsknotenpunkt. Belegen wird es hingegen nur einen Teil der Gesamtgeschossfläche von etwa 30‘000 m2. Der von den Berner Architekten Bauart und dem Amsterdamer Büro Urbanoffice entworfene Komplex beherbergt auch Detailhandel-, Gastronomie- und Büroflächen sowie 88 Mietwohnungen. «Für diese sogenannte Mantelnutzung sprachen nicht nur ökonomische Argumente, sondern auch die Tatsache, dass wir so mitten im Leben landen.» Leutwyler verweist damit auf eine Forderung aus einer Imagestudie für Bern Bümpliz, die das Stadtplanungsamt Bern im Jahr 1998 präsentierte. «Damals empfahl der Autor Christian Jaquet, dass für die Aufwertung des hiesigen Stadtteils die Religionsgemeinschaften der Migrationsbevölkerung ihre improvisierten Sakralräume in Hinterhöfen und Kellern zurücklassen und sich in einem Haus der Kulturen und Religionen begegnen sollen.» Nicht zuletzt deshalb wurde Jaquet zu einem der visionären Impulsgeber für das Haus der Religionen und dessen sozialer und integrativer Funktion.

Ökologische Ansprüche

Passend zur Weitsicht der Initiantinnen und Initianten setzte die Bauherrschaft auch bei der Planung auf Nachhaltigkeit. So zum Beispiel bei den energietechnischen Anforderungen an die Gebäudehülle unter Einhaltung der MINERGIE®-Standards. «Dem konnte unter anderem mit der Wahl einer effizienten hinterlüfteten Fassade entsprochen werden», erklärt Stefan Kesselring, stellvertretender Projektleiter bei der für die Gesamtkoordination der Gebäudehülle verantwortlichen Ediltecnica AG. Um die Wärmeverluste zusätzlich möglichst gering halten zu können, wurden an Stellen mit besonders vielen Kontaktpunkten wärmebrückenfreie Konsolen eingesetzt. Und auch die hocheffizienten Dämmstoffe PB F 032und ISOLENE P 032 von Saint-Gobain ISOVER leisten mit ihrer hohen Dämmwirkung bei geringer Materialdicke einen entscheidenden Beitrag zur möglichst schlanken Gesamtkonstruktion. «Zudem ermöglicht die gewählte Konstruktion einen Rückbau, der sowohl ökologischen als auch ökonomischen Bedürfnissen entgegenkommt», verweist Kesselring auf die Konzeption der Gebäudehülle.

 

Komplexe Planung

Dafür musste das Ediltecnica-Team ungewohnte Wege gehen, denn die vorgesehenen Eternitelemente für die Bekleidung waren von Beginn weg gesetzt und der ganze Planungsprozess musste auf deren Form und Eigenschaften abgestimmt werden. «Die damals aus ästhetischen Gründen noch vorgesehene Lochstruktur bedingte quasi eine Umkehrung der Planungsschritte», erklärt Kesselring, «denn die Profile für ihre Montage durften nur an genau definierte Stellen neben den Löchern liegen». Das wiederum hatte direkten Einfluss auf die Setzung der Unterkonstruktion sowie zu guter Letzt auf die Gliederung des Tragwerks aus verschraubten Betonelementen. «Mit dem Ergebnis, dass unsere Detailplanungen für die Fassadenkonstruktion sogar die Lage der Fensteröffnungen definierte», so Kesselring nicht ohne Berufsstolz.

Anspruchsvolle Logistik

Auffällig ist die Gliederung der Eternitelemente, die einerseits unterschiedliche Masse aufweisen und ein scheinbar unregelmässiges Muster ergeben. Andererseits durch deren Oberflächenbeschaffenheit ins Auge stechen: «Bestimmte Fassadenelemente haben eine Textilprägestruktur. Diese hat Eternit zum ersten Mal in dieser Menge hergestellt», weiss Kesselring. Mit der gesamten Umsetzung ist er sehr zufrieden. Tatsächlich erstaunt, wie millimetergenau der Aufbau trotz ungewohnter Vorgehensweise über die zehn Stockwerke geklappt hat. Selbst bei der Anbringung der tonnenschweren Glaselemente und -türen am Haus der Religionen. Eine Knacknuss ergab sich bei der Anlieferung der Baustoffe. «Wegen den knappen Platzverhältnissen zwischen Strasse, Autobahn und Bahnlinie waren wir auch bei der Anlieferung der insgesamt 1'083 m3 ISOVER-Material vor logistische Herausforderungen gestellt», so der stellvertretende Projektleiter, der für die Nutzung des Umschlagplatzes, des Krans und des Materiallifts jeweils frühzeitig online Zeitfenster buchen musste. «Selbstverständlich bedingte dies eine punktgenaue Lieferung durch Saint-Gobain ISOVER AG. Weil dies immer tadellos geklappt hat, sind wir auch diesbezüglich nie wirklich ins Schleudern gekommen», verteilt er Komplimente.

Vielförmige Eigenleistungen

Massarbeit war auch bei den Handwerkerinnen und Handwerkern im Innenausbau gefragt. Während etwa in den Wohnungen die letzten Türgriffe angebracht, die letzten Elektroinstallationen montiert und einzelne Einheiten vom Reinigungspersonal bereits von Baustellenstaub befreit werden, waren im Haus der Religionen auch nach Feierabend noch fleissige Hände aktiv. «Für den Ausbau der individuell genutzten Räume sind die einzelnen Religionsgemeinschaften selbst verantwortlich. Im Hindutempel arbeiten seit drei Monaten zehn Tempelbauer an den aufwändigen Schreinen», erklärt David Leutwyler beim Rundgang durch die weitläufige Struktur. «Dass dies eine besondere Baustelle ist, erfährt man im Gespräch mit Arbeitern und Handwerkern. Ein junger Mann wollte mir kaum glauben, dass hier nebeneinander Gebetsräume von Muslimen und Christen entstehen». Leutwyler schmunzelt, während er die Anekdote erzählt. «Ein anderer war sichtlich stolz, als er sich bewusst wurde, gerade an einer Wand für eine Moschee zu bauen.» Stolz können auch all jene Persönlichkeiten sein, die über Jahre für die Verwirklichung dieses Traums gekämpft und gearbeitet haben. Das Haus der Religionen ist gebaute Realität und kein Wunder mehr.