Case Study

Tours de Gilamont à Vevey

Die «Tours de Gilamont» in Vevey werden bis Ende 2011 einer umfangreichen Sanierung unterzogen. Dabei werden die beiden Wohnhochhäuser auf den modernsten Stand des nachhaltigen Bauens gebracht und eine deutliche Reduktion des Energieverbrauchs erreicht. Auch die Optik kommt nicht zu kurz: Die Fassaden wird in Zukunft eine gigantische Wandmalerei mit Chaplin-Motiven zieren.

Im Norden von Vevey werden die «Tours de Gilamont» mit der Nr. 65 und 67 die Stadt schon bald in frischem Glanz überragen. Seit Mai 2009 sind die Arbeiten an den über 40-jährigen Wohnhochhäusern im Gang. Nach deren Abschluss stehen den Bewohnern von Grund auf renovierte Wohnungen in nach den Standards für nachhaltiges Bauen sanierten Gebäuden zur Verfügung (die definitive Vergabe des Labels Minergie erfolgt am Ende der Bauarbeiten). Die Wohnhäuser werden mit Glaswollprodukten von Saint-Gobain ISOVER AG gedämmt. Speziell daran ist die ausgeklügelte Integration der Lüftungsschächte direkt in die Dämmung, die in Zusammenarbeit mit dem Architekten Patrick Chiché und dem Unternehmen Apico SA entwickelt wurde. Die Ausführung des Projekts liegt in den Händen der Firma Marmillod. Die riesige Wandmalerei in Erinnerung an Charlie Chaplin stammt vom Künstler Franck Bouroullec. Mit innovativen Ideen haben alle Beteiligten ein Konzept geschaffen, das diesen Hochhäusern ein neues Image als Wahrzeichen eingangs der Stadt verleihen wird.

Zur Geschichte der Hochhäuser

Aufgrund des wachsenden Bedarfs im sozialen Wohnungsbau stellte die Gemeinde Vevey in den 1960er-Jahren ein Grundstück in Gemeindebesitz und die erforderlichen Mittel zur Errichtung von 140 Ein- bis Vierzimmerwohnungen für einkommensschwache Familien bereit. Im Norden der Stadt, im Viertel Gilamont, entstanden so zwischen 1967 und 1969 nahe dem Bach Veveyse auf 6’000 m2 die «Tours de Gilamont» Nr. 65 und Nr. 67. Beide sind mit ihren 14 Stockwerken mehr als 40 m hoch und beherbergen je 70 Wohnungen. Die Wohnungen im Eigentum der Stadt werden auch heute vor allem an Familien mit niedrigen Einkommen vermietet.

Die beiden Wohnhochhäuser liegen an einer Hauptverkehrsachse der Stadt, über die man Vevey von der Autobahn her erreicht. Ihre Lage verleiht dadurch den Hochhäusern eine herausragende Bedeutung für das Image der Stadt. Sie verwahrlosen zu lassen kommt auch deshalb nicht in Frage.

Im Jahr 2000 begann die Stadtverwaltung von Vevey auf Beschwerden von Einwohnern Gilamonts zu reagieren, die eine Vernachlässigung und damit auch eine soziale Ausgrenzung beklagten: Die Aussenanlagen waren beschädigt, an den Fassaden zeigten sich Verfallsspuren. Die Stadt unternahm daraufhin erste Massnahmen zur Verbesserung des Wohnumfelds der Hochhäuser. Die Gebäude selbst zeigten jedoch starke Alterungsspuren, die im Rahmen der laufenden Instandhaltung nicht mehr beseitigt werden konnten. Nach dieser Bestandsaufnahme gab die Stadt als Eigentümer eine Studie in Auftrag, die als Grundlage für Entscheidungen über die Zukunft der Gebäude dienen sollte. Sollte man sie abreissen, umbauen oder sanieren? Schliesslich entschieden sich die Behörden für eine Sanierung und die Anpassung an die neuesten Bau- und Wohnungsstandards. Zusätzlich zur grundlegenden Sanierung wollte die Stadtverwaltung auch bei der Ästhetik ein richtungsweisendes Projekt präsentieren. Für die Sanierung stehen insgesamt 20 Millionen Franken zur Verfügung.

Ein nachhaltiges Architekturprojekt

Im Norden Veveys wird somit ein faszinierendes Architekturprojekt realisiert. Das Architekturbüro Patrick Chiché erhielt den Auftrag für die Umsetzung des Sanierungskonzepts der «Tours de Gilamont». Patrick Chiché gehört zu den Pionieren im nachhaltigen Bauen und hat in Préverenges bei Lausanne eine der ersten Wohnanlagen mit Solarversorgung realisiert. Für die von ihm nach dem Minergie-Label sanierten Wohnhäuser wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Das Architekturprojekt beschränkt sich jedoch nicht nur auf die technische Renovierung der Gebäude, auch die soziale Komponente bildet einen wichtigen Bestandteil. Die energetisch sanierten Wohnhochhäuser sollen als Ort sozialer Begegnung für eine kulturell gemischte Bevölkerung gestaltet werden.

Dem Eindruck eines Ghettos wollte Patrick Chiché mit einer starken visuellen Identität der Gebäude entgegenwirken. So entstand die Idee eines Dialogs aus einer schwarzen und einer weissen Fassade nach dem Prinzip des Yin und Yang. Schwarz und Weiss erinnern zudem an die Welt Charlie Chaplins, der die letzten 20 Jahre seines Lebens in Vevey verbrachte.

Darüber hinaus wurden Gemeinschaftsräume geschaffen und einige Wohnungen im Hinblick auf eine soziale Mischung vergrössert. Der Einbau von Wohnküchen ermöglicht eine Öffnung des Raums und erhöht die Wohnlichkeit der Appartements.

Aus ökologischer Sicht stellt die Einhaltung der Anforderungen des Minergie-Labels für nachhaltiges Bauen für die in den 1960er-Jahren errichteten Gebäude eine besondere Herausforderung dar. Die «Tours de Gilamont» werden nach der Sanierung als erste renovierte Wohnhochhäuser der Schweiz eine dem Label entsprechende Energiebilanz aufweisen. Möglich wird dies durch eine neu entwickelte, leistungsstarke Fassadendämmung und ein passives Lüftungssystem mit Wärmerückgewinnung, das sowohl ein angenehmes Raumklima schafft als auch zur Altersbeständigkeit der Gebäude beiträgt. Der Heizölverbrauch wird von 240'000 Liter auf weniger als 60'000 Liter gesenkt. Eine hervorragende Bilanz, die unter anderem der Dämmung von Saint-Gobain ISOVER AG zu verdanken ist.

Eine Fassade zum Gedenken an Charlie Chaplin

Als Tüpfelchen auf dem «i» wird künftig ein riesiges Wandbild die Fassade der Wohnhochhäuser zieren. Wie diese Idee entstand? Auf einer von der Gemeinde Vevey organisierten Informationsveranstaltung schlug ein Bewohner der Hochhäuser vor, die Idee von Schwarz und Weiss und die im Architekturprojekt erwähnte Verbindung zu Charlie Chaplin kühn weiterzudenken: Warum sollte nicht ein Wandbild von «Charlie» die Fassaden schmücken? Diese etwas verrückte Idee kam allerdings dem Vorhaben entgegen, die Wohnhochhäuser von Gilamont als Wahrzeichen am Eingang zur Stadt zu präsentieren. Die Behörden beschlossen, diese Idee aufzugreifen. Im Künstler Franck Bouroullec, der selber seit einigen Jahren in Vevey lebt, fanden sie einen geeigneten Partner. Er schuf den Entwurf für das riesige Fassadenbild, der nun von CitéCréation ausgeführt wird. Am 31. Mai 2010 haben die Arbeiten an Hochhaus Nr. 65 begonnen, die Fertigstellung ist für den August geplant. Haus Nr. 67 wird seine neue Fassade im Frühjahr 2011 erhalten.

Ein innovatives Dämmsystem

Hinter der Wandmalerei verbirgt sich ein innovatives Isolationssystem. Zur Vermeidung von Wärmebrücken ist eine durchgehende Ummantelung der Fassade erforderlich: Mauern, Dach, Fenster – alles muss ins System miteinbezogen und gedämmt werden. Kondensatbildung und Wärmeverluste werden durch ein kontrolliertes Lüftungssystem verhindert, das für einen ständigen Luftaustausch im Gebäude sorgt. Zum Lüften muss nicht einmal mehr ein Fenster geöffnet werden.

Aber was tun, wenn für die Lüftungsrohre im Innern des Gebäudes kein Platz ist? Sie werden draussen verlegt! Damit dies ohne Wärmeverluste möglich ist, haben der Architekt Patrick Chiché und der Glaswollehersteller Saint-Gobain ISOVER AG für die «Tours de Gilamont» eine geniale Lösung entwickelt: Die Kanäle verlaufen in einer speziellen Isolationsschicht. Den dafür erforderlichen Zuschnitt der Glaswolle realisiert Apico SA. Diese Lösung wurde erst möglich dank der engen partnerschaftlichen Zusammenarbeit aller Akteure – Architekt, Hersteller, Firma für objektspezifische Dämmmaterialzuschnitte und Fassadenspezialist.

Übergangslösungen für die Bewohner

Wie nimmt man eine grundlegende Sanierung zweier Gebäude mit je 70 Wohneinheiten vor und stellt sicher, dass die Bewohner ein Dach über dem Kopf behalten? Neben technischen Fragen war eine zumutbare Unterbringung der Bewohner für die Dauer des Umbaus ein wichtiger Aspekt. Aufgrund des Umfangs der Arbeiten mussten alle ihre Wohnungen für den Zeitraum der Innensanierung verlassen. Die Realisierung erfolgt in Etappen mit je zwei mal 14 übereinanderliegenden Wohnungen. Ingesamt wurden so für das gesamte Projekt fünf Etappen à vier Monaten veranschlagt. Die Umzugskosten trägt die Gemeinde Vevey, die zusammen mit den örtlichen Sozialbehörden auch die Suche nach provisorischen Unterkünften als Übergangslösungen übernahm.