Case Study

Der Kanton Waadt hat wieder ein Parlamentsgebäude!

Architect
Atelier Cube, Lausanne, et Bonell i Gil, Barcelone
Project manager
Atelier Volet, Saint-Légier
Client
Canton de Vaud, Service immeubles, patrimoine et logistique (SIPaL)

Seit Frühling 2017 können die Abgeordneten des Kantons Waadt in ihrem neuen Parlament tagen. Das Gebäude mit dem architektonisch aussergewöhnlichen Dach verbindet alte und neue Elemente. Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Verwendung von Baumaterialien aus der Schweiz und die Beauftragung lokaler Unternehmen gelegt. Das Waadtländer Unternehmen Saint-Gobain ISOVER SA ist stolz darauf, einen Beitrag zu diesem aussergewöhnlichen Projekt geleistet zu haben.

Endlich! Der Kanton Waadt hat nun ein komplett neues Parlamentsgebäude. Nach 15 Jahren Exil in provisorisch ausgestatteten Räumlichkeiten des Palais de Rumine in Lausanne können die Waadtländer Grossrätinnen und Grossräte nun wieder im Quartier Cité tagen. Es brauchte zahlreiche politischen Wendungen und drei Jahre Bauarbeiten, bis der Grosse Rat wieder seinen angestammten Platz gegenüber dem Schloss, dem Sitz der Waadtländer Exekutive, beziehen konnte. Doch bevor wir uns auf eine Entdeckungsreise durch das neue Parlamentsgebäude machen, werfen wir zuerst einen Blick zurück in die Entstehungsgeschichte des Projekts.

Ein wenig Geschichte
Das 1804 erbaute historische Waadtländer Parlamentsgebäude von Alexandre Perregaux wurde 2002 bei einem durch Renovationsarbeiten ausgelösten Brand fast vollständig zerstört. Angesichts des Ausmasses der Schäden war eine Renovation praktisch unmöglich. Die meisten grösseren Gebäudestrukturen des historischen Parlaments wie Mauern oder das Balkenwerk waren durch den Brand komplett zerstört oder irreparabel beschädigt, ebenso die historischen Innenelemente, besonders die Täfelungen. Nur wenige Innenraumelemente und Fassadenteile wie der neoklassizistische Giebel konnten gerettet und restauriert werden.
 
Nach zahlreichen Diskussionen entschied der Grosse Rat, ein neues Gebäude am angestammten Standort zu errichten. Es wurde darauf ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Im Juni 2009 wählte die aus dem Staatsrat bestehende Jury in einem anspruchsvollen Auswahlverfahren schliesslich den Sieger aus 55 Bewerbungen: das Projekt «Rosebud» der Architekturbüros Cue aus Lausanne und Bonell i Gil aus Barcelona. Neben der Funktionalität achtete die Jury auch darauf, ob das Gebäude die Anforderungen eines modernen Parlaments erfüllt, ob es sich am Standort einfügt und ob es ökologischen Ansprüchen genügt.

 
Das Siegerprojekt überzeugte auch mit verschiedenen Aspekten der Nachhaltigkeit : die Modernisierung der Technologie und die Verbindung mit traditionellen Elementen, aber auch die Verwendung von erneuerbaren und ausreichend verfügbaren Baumaterialien oder Recyclingprodukten und den Einbezug der Brandruine. Es wurde ausserdem Wert auf eine effiziente Ressourcennutzung gelegt. Das Gebäude weist einen geringen Energiebedarf auf, während gleichzeitig der Komfort hinsichtlich Lärmschutz, Beleuchtung sowie Wärme gewährleistet ist. Die sozialen Aspekte wie der grosse öffentlich zugängliche Bereich, der den Kontakt zwischen der Bevölkerung und ihren Institutionen fördern soll, waren ein weiterer Pluspunkt.

Das Dach als Stein des Anstosses
Doch mit der Kür des Siegerprojekts war die Geschichte noch nicht zu Ende. Das Projekt war keineswegs unumstritten. Viele störten sich insbesondere an einem Punkt: dem Dach. Dessen Form und Verkleidung waren gar Anlass für die Lancierung eines Referendums im Jahr 2012. Das Referendum konnte durch eine Umplanung schliesslich vermieden werden, und so nahm der Grosse Rat das überarbeitete Projekt an und sprach einen Kredit von 17 Millionen Franken. In der neuen Version von «Rosebud» wurde das Dach, ursprünglich imposanter und mit einer grauen Zinnverkleidung geplant, um 30 % verkleinert, ausserdem erhielt es eine symmetrische Form mit vier Seiten und rote Ziegel. Nach einer zweiten öffentlichen Auflage wurde am 21. November 2013 die Baubewilligung erteilt und der Spatenstich erfolgte am 24. März 2014. Somit konnten die Arbeiten beginnen.
 
Nun thront das neue Waadtländer Parlament stolz auf dem Hügel der Cité über Lausanne, dies trotz vielen Jahren politischer Auseinandersetzungen. Und trotz der Umplanung lässt sich sagen, dass das Dach nach wie vor das Meisterstück des Gebäudes darstellt (siehe Infobox), obwohl es lange Zeit im Zentrum der Diskussionen stand und leidenschaftlich bekämpft wurde. Das Holzdach mit Ziegeln, 15 Meter hoch und mit den Produkten von Saint-Gobain ISOVER SA gedämmt, ist ohne Sparren konstruiert. Damit dies gelang, wurden vormontierte, kreuzverleimte Holzplatten, eine bedeutende Innovation in der Holzbautechnik, eingesetzt. Alle Teile wurden mit einer Nummer versehen angeliefert und an ihrem vorgesehenen Platz montiert.

Respekt vor dem baukulturellen Erbe
Bei den übrigen Gebäudeteilen finden sich gerettete historische Überreste, die auf aussergewöhnliche Weise eingebunden wurden. Dabei wurden die Empfehlungen der Historiker und Denkmalpfleger, welche die Brandruine analysiert hatten, berücksichtigt.
 
Das « Vestibule » mit seiner Fassade, das erste monumentale Werk im neoklassizistischen Stil im Kanton Waadt, ist von grossem historischem und symbolischem Wert. Dieser Gebäudeteil wurde renoviert und dient nun als Wandelhalle. Zudem blieb das Maison Charbon, das vor 1240 erbaute älteste Privathaus Lausannes, welches ans Parlament anschliesst, erhalten und beherbergt nun die Kommissionssäle. Die aussergewöhnlichen romanischen Fenster, die seine Südfassade schmücken, kann man nun dank der Schaffung eines Zugangs von der Rue Cité-Devant bewundern. Die unteren Mauern des « Salle Perregaux » wurden beibehalten und sind in der neuen Buvette des Parlaments sichtbar. Ein bedeutendes historisches Element wurde hingegen zerstört, da es nicht mit den baulichen Gegebenheiten des neuen Gebäudes vereinbar war. Es handelt sich um die « Cave de la Monnaie » unter dem Parlament. Diese hatte dem Grossen Rat vor dem Brand als Buvette gedient.
 
Die neue Legislaturperiode 2017–2022 kann nun in diesen neuen geschichtsträchtigen Gemäuern beginnen.

Ein durch und durch waadtländisches Dach
Die Herstellung der Dachteile in der Werkstatt der Firma Atelier Volet in Saint-Légier dauerte insgesamt zwei Monate. Zuerst wurden Holzelemente von 2,5 m Breite und 6 m sowie 9 m Länge in der Werkstatt vorgefertigt und mit dem Dämmprodukt Uniroll 035 PR von Saint-Gobain ISOVER SA, hergestellt in Lucens in der waadtländischen Broye, aufgefüllt. Die Dämmung gewährleistete eine einfache Montage. Anschliessend wurden die Bauteile per Lastwagen zur Baustelle transportiert und auf der bereits bestehenden Trägerstruktur verteilt. Dann konnte das Gerüst aufgebaut werden. In einem zweiten Schritt wurden die Holzbauteile auf einer zweiten Struktur mit 70-Grad-Winkel an ihrem endgültigen Platz montiert. Das Atelier Volet war zudem für die Dichtung und Ziegelabdeckung des Dachs zuständig.
Die Holzstruktur besteht ausschliesslich aus Holz aus Waadtländer Wäldern und die Schichtholzelemente wurden im Kanton Waadt hergestellt. Einzig die grossen Mehrschichtplatten wurden aus Kostengründen in Deutschland produziert. Die Trägerstruktur wurde mit dem Ursprungszertifikat der Schweizer Holzbranche ausgezeichnet.